Umgang und Sorgerecht

Das Beste für Kinder sind Mutter und Vater!

Dieser Grundsatz ist in Verfahren zu Umgang und Sorgerecht zur Ideologie geworden, der unter allen Umständen durchgesetzt wird. ‚Aktive Vaterschaft’ ist politisch gewollt; es spiegelt sich in den aktuellen Gesetzen und in den politischen Bemühungen wieder. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, kurz BFSFJ genannt, berichtet regelmäßig über Erfolge ihrer Politik zur ‚Partnerschaftlichen Vereinbarkeit’. So heißt es zum Beispiel in der Pressemitteilung vom 07.04.2017:

Neue Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: Das ElterngeldPlus entspricht den Wünschen junger Eltern, sich Beruf und Familie partnerschaftlich zu teilen. Im 4. Quartal 2016 haben mehr als ein Fünftel der Eltern die noch junge Leistung beantragt.“ Das BFSFJ leitet daraus ab: „ Viele Männer und Frauen wünschen sich eine gleiche Aufgabenteilung in Familie und Beruf. Frauen wollen finanziell unabhängig sein und im Beruf vorankommen. Männer wollen mehr Zeit für die Familie.

Sicher hat sich das Rollenverständnis von Frau und Mann in einer Partnerschaft in den letzten Dekaden erheblich verändert. Wenn man sich allerdings die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zum selben Zeitraum genauer anschaut, kommt man unweigerlich zu einem anderen Ergebnis als das BSFSJ. Demnach sind unter den Elterngeldbeziehern nur 13 % Väter, die überhaupt Elternzeit wahrnahmen.

Noch interessanter ist die Betrachtung der Dauer der Elternzeit, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrem Artikel vom 21.06.2016 zutreffend kommentiert:

Immer mehr junge Väter beziehen Elterngeld. Während Mütter jedoch die Bezugsdauer von bis zu zwölf Monaten ausreizen, pausieren Väter meist nur zwei Monate vom Job.

Tatsächlich sind es gerade einmal 2 % aller Väter, die ein Jahr oder länger Elternzeit nehmen, in ihrem Job pausieren und sich um die Betreuung des Babys kümmern.

Der politische Wille, die Fakten so zu interpretieren, dass sie in die Politik der „Partnerschaftlichen Vereinbarkeit“ passen, ist unverkennbar. Wenngleich sich auch die Idee der gleichberechtigten Elternschaft politisch attraktiv anfühlen mag, so ist doch die Realität von Müttern überwiegend eine andere.

Auswirkungen bei Umgang und Sorgerecht

Spätestens nach der Trennung wird diese Idee, die vielleicht im Ursprung den Frauen gegenüber wohlwollend gemeint war, für eine Mutter häufig zur bitteren Erkenntnis: Weder ihre Leistung als Mutter, an der nach wie vor die Hauptlast der Familienarbeit liegt, noch die besondere Schutzbedürftigkeit der Mutter, wie sie das Grundgesetz Art. 6 Abs. 4 vorsieht, werden vom Familiengericht und den angeschlossenen Professionen erkannt, geschweige denn anerkannt.

Im Gegenteil: Aus dem Grundsatz „Das Beste für ein Kind ist Vater und Mutter“ ist ein Dogma geworden. Gerichtliche Verfahren zu Umgang und Sorgerecht werden dieser Ideologie unterworfen, ungeachtet der bis dahin tatsächlich erbrachten Betreuungsleistung. So kommt es immer häufiger vor, dass ein Kindesvater, der sich bis zur Trennung in die Familienarbeit, also auch die Kinderbetreuung, kaum oder überhaupt nicht eingebracht hat, nach der Trennung nicht nur ein ausgedehntes Umgangsrecht, sondern sogar eine paritätische Kinderbetreuung zugesprochen wird, also ein sogenanntes Wechselmodell. Hierbei pendeln die Kinder in der Regel wöchentlich zwischen Mutter und Vater.

In besonders ambitionierten Beschlüssen des Familiengerichts zu Umgang und Sorgerecht kann das so weit gehen, dass selbst Kleinstkinder täglich von Mutter zu Vater und umgekehrt wechseln müssen oder von Müttern verlangt wird, Babies abzustillen, damit umfangreicher Umgang mit dem Kindesvater stattfinden kann. Die körperliche, hormonelle und psychische Besonderheit der Zeit nach Schwangerschaft und Geburt wird vom Familiengericht und den weiteren Verfahrensbeteiligten, wie Jugendamtsmitarbeiter, Verfahrensbeistand und Gutachter in diesen Fällen ignoriert oder sogar negiert.

Aber auch in relativ üblichen Verfahren zu Umgang und Sorgerecht berichten Mütter, dass sie keinesfalls als Expertin für ihre Kinder angesehen werden, sondern sich die weiteren, überwiegend weiblichen Verfahrensbeteiligten eher wohlwollend oder sogar schützend vor den Vater stellen und ihm zu seinem vermeintlichen Recht verhelfen.

Väterrechte stehen vor dem Kindeswohl

Diese Erfahrungen mit Familiengerichtssystem sind für Frauen oftmals von traumatischer Qualität. Einerseits erleben sie Geringschätzung ihrer bisherigen Leistung in der Familienarbeit. Andererseits – und das ist für die meisten Mütter besonders quälend – müssen sie hilflos mit ansehen, wie ihre Kinder zum Spielball dieser Ideologie werden und darunter leiden. Jeder Versuch einer Mutter, sich zu erklären, um die Kinder zu schützen, oder sich zu verteidigen, weil ihre Betreuungsleistung vom Kindesvater verleumdet wird, wird durch die gedankenlose Verwendung dieses Glaubenssatzes letztlich zum Nachteil für sie. Wenn sie zum Beispiel belegen kann, während der Beziehung die Hauptbezugsperson für die Kinder gewesen zu sein, während der Vater sich seiner Karriere oder seinen Hobbies widmete, heißt es nicht selten, dass es dann ja für den Aufbau der Vater-Kind-Beziehung besonders wichtig sei, umfangreichen Umgang oder sogar das Wechselmodell zu installieren.

In diesem Zusammenhang werden Mütter häufig mit einem weiteren Dogma konfrontiert:

In Kindschaftssachen, also Umgang und Sorgerecht, schauen wir nur in die Zukunft.

Alles, was bis dahin im Leben der Frau und den Kindern Gültigkeit hatte, kann mit diesem Glaubenssatz über Bord geworfen werden. So verlieren zum Beispiel Frauen, die sich auf die traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter konzentierten, ihren Lebensmittelpunkt – und Kinder verlieren ihre Hauptbezugsperson, während man ihnen von Seiten der Fachkräfte erklärt, nunmehr zwei Zuhause zu haben. Wie soll ein Kind das verstehen? Ganz egal, wie man zur traditionellen Rollenverteilung steht: Es war eine gemeinsam getroffene Entscheidung beider Eltern – die Folgen allerdings trägt die Mutter nach der Trennung allein.

Mütter stehen mit leeren Händen da

Während der Kindesvater oftmals nun die Früchte seiner beruflichen Weiterentwicklung ernten kann, steht die Kindesmutter vor einem finanziellen Desaster. Eine positive Wahrnehmung der besonderen Leistung, aber auch der besonderen Schutzbedürftigkeit von Müttern wäre notwendig, wird aber in Verfahren zu Umgang und Sorgerecht regelmässig ignoriert.

Selbst wenn die Mutter durchgängig (oft in Teilzeit) berufstätig war, erfährt sie in den meisten Fällen einen Einkommensverlust im Vergleich zum Vater. Denn sie ist überwiegend diejenige, die ihre Energie nicht nur in ihre Karriere investiert, sondern auch in die Hausarbeit sowie die Kinderbetreung -und erziehung. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung kommt in seiner Pressemitteilung zur Studie aus 2017 zu dem Ergebnis:

 Frauen leisten erheblich mehr in der Kindererziehung und Hausarbeit als Männer.
Die Studie führt aus, dass das Missverhältnis von beruflicher und häuslicher Arbeit zwischen den Geschlechtern besonders groß ist, wenn Kinder bis sechs Jahren im Haushalt leben. In Zahlen liest sich das so:
Für einen Mann, der voll arbeitet, besteht mit 73 Prozent der größte Teil seiner Gesamtarbeitszeit aus bezahlter Arbeit. Eine teilzeitbeschäftigte Frau wird hingegen nur für 43 Prozent ihrer Gesamtarbeitszeit entlohnt und leistet den größeren Teil ihrer Arbeit unbezahlt.

Quelle: D. Hobler, C. Klenner, S. Pfahl, P. Sopp, A. Wagner. (April 2017). WER LEISTET UNBEZAHLTE ARBEIT? Hausarbeit, Kindererziehung und Pflege im Geschlechtervergleich. REPORT Nr. 35. WSI Wirtschafts-  undSozialwissenschaftliche Institut

Liest eigentlich jemand diese Studien?

Die „alten Zeiten“ mit (zumindest unfreiwilliger) traditioneller Rollenverteilung sind in der Tat vorbei. Nur befinden wir uns derzeit auch noch nicht in der „neuen Zeit“, in der es gleiche Rechte, gleiche Verdienste, gleiche Chancen – während und nach einer Beziehung – für Frauen gibt. Unsere Gesellschaft befindet sich irgendwo dazwischen – und das Dazwischen (er-)tragen die Mütter.