Alleinerziehende Frauen und Karriere – ein Bericht

Heute, fast sechzehn Jahre, nachdem mein Sohn Felix geboren wurde, kann ich über das Thema alleinerziehende Frauen und Karriere aus eigenen Erfahrungen berichten. Es hat mich enorme Kraft gekostet, eine erfolgreiche Geschäftsfrau und Unternehmerin zu werden. Und zwar mit genau den Stärken, die wir als alleinerziehende Frauen haben und perfektionieren: Verantwortung übernehmen!

Für unsere Kinder sind wir verantwortlich, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, ohne Urlaub, ohne Feiertag. Wir nehmen diese Verantwortung ohne viel Aufhebens an, nicht nur emotional, sondern auch physisch und finanziell. Das hatte ich unterschätzt, als ich als beruflich erfolgreiche End-Dreißigerin aus einer kurzen gescheiterten Beziehung die Konsequenzen zog und mit meinem damals einjährigen Sohn in eine eigene Wohnung zog.

Die Anfänge meiner Karriere

Meine „Karriere“ begann mit einem deutsches Einser-Abitur und einem Hochschulstudium in den USA. „Mädchen, das mach dann mal allein, von uns siehst Du keinen Pfennig“, hieß es von den enttäuschten Eltern, die aus mir lieber eine deutsche Zahnärztin machen wollten.

Was folgte, waren einige richtige und einige falsche Entscheidungen:

In den USA wählte ich aus rationaler Überlegung Informatik (richtig). So erhielt ich einen Job im Pharma-Konzern und lebte gut und mittlerweile verheiratet in den USA. Anfang der 90er siedelten wir wegen der schlechten Wirtschaftslage nach Europa (falsch). Ich gab meinen hart erarbeiteten Konzern-Job auf und zog mit meinem Mann nach Deutschland. Das endete mit einem neuen guten Job für mich und einer traumatischen Scheidung. Er ging zurück in die USA; ich blieb in Deutschland und verlor meine amerikanische Aufenthaltsgenehmigung, weil ich mich nicht informierte (falsch).

Das Kind braucht einen Vater

Das Thema Familie rückte in weite Ferne, aber meine Karriere ging steil nach oben: Stationen in Köln, Brüssel, Bremen. Mit Mitte 30 war ich für einen der größten internationalen Konzerne in Genf tätig – mit einem Team von 20 Mitarbeitern und einem glänzenden Karriere-Angebot, innerhalb des Konzern als IT-Direktor nach Italien zu gehen. Da ich mittlerweile meinen zweiten Ehemann kennengelernt hatte und über Familie nachdachte, lehnte ich ab (Ablehnung = immer falsch). Dann kam tatsächlich mein Sohn, und wir heirateten, „damit das Kind einen Vater hat“. Nach einer viermonatigen Elternzeit war mein Posten in Genf plötzlich an einen anderen aufstrebenden männlichen Kollegen übergegangen (typisch). Man bot mir eine neue, durchaus gute Position in Bremen an. Da mein Ehemann sich weigerte, aus Genf wegzugehen, schlug ich auch dieses Angebot aus (natürlich falsch), und stimmte einer Versetzung in die Schweizer Business Unit in eine weniger qualifizierte Position ohne Personalverantwortung zu.

Mütter sind weniger belastbar?

Das ist heute noch wie damals in Konzernen üblich: Weibliche Führungskräfte werden, wenn sie Mutter werden, plötzlich als weniger leistungsfähig eingeschätzt – übrigens ganz anders als unsere männlichen Führungskollegen. Männer nehmen ja auch nur 1-2 Monate Elternzeit; wir Frauen dagegen 1-2 Jahre…

Das Leben als alleinerziehende Frau

Durch unterschiedliche Auffassungen von Rollenverteilung und Vorstellung von Familienleben trennten wir uns, als unser Sohn ein Jahr alt war. Auf einmal war ich „alleinerziehend“. Zunächst lief alles glatt: Die berufliche Seite konnte ich anpassen und arbeitete 80% Montag bis Donnerstag. Den Kleinen gab ich morgens um halb 8 im firmeneigenen Kindergarten (sehr gut!) am anderen Ende der Stadt ab, um von 8 bis 18 Uhr zu arbeiten, und holte ihn abends um halb 7 wieder ab. Auch kein perfektes Familienleben, aber immerhin konnten wir von Donnerstag Abend bis Montag Morgen die Zeit miteinander genießen.

Dann wurde das Kind krank. Er hustete allergisch jede Nacht, ununterbrochen. Kein Arzt wusste Rat, und ich nach 4 Monate auch nicht mehr. Ich schlief nicht mehr, denn wir Mütter hören ja jeden kleinen Huster. Der Kindesvater weigerte sich (natürlich), sich um um das kranke Kind am Wochenende zu kümmern (aus verletztem Stolz? Oder einfach nur keine Lust?). Stattdessen stand eines Freitag morgens ein Schweizer Gerichtsdiener in grauem Péloton und Hut vor der Tür und verlas auf Französisch die Anklageschrift meines Ex-Mannes, der mich auf Unterhalt verklagte.

Bloß nicht krank werden!

Kein Wunder: Ich wurde ernsthaft krank und brauchte eine längere stationäre Behandlung. Meine Familie in Deutschland riet mir, meinen gutbezahlten Konzernjob zu kündigen (das war so richtig falsch). Also kündigte ich, zog zurück nach Deutschland und lebte vom Ersparten (auch falsch). Ich kümmerte mich in dieser Zeit um meinen Sohn und um meine Gesundheit und wurde glücklicherweise wieder vollständig gesund.

Mit Glück erhielt ich durch Beistandschaft vom Jugendamt einen Unterhaltsvorschuss, und mit Hilfe meiner damaligen großartigen Anwältin auch das alleinige Sorgerecht (2008). Ihre Empfehlung war: „Verzichten Sie auf Unterhalt, Sie brauchen vor allem alleiniges Sorgerecht.“ Das tat ich (richtig). Seitdem erhalte ich den Mindestunterhalt für das Kind.

Alleinerziehende Frauen und Karriere – Reload

2008 fing ich also komplett von vorne an. Ein Job in einem Konzern auf Basis meiner früheren Karriere (und vor allem zum früheren Gehalt) war für mich mit diesem Karriereknick weder erreichbar, noch für mich als Alleinerziehende zeitlich machbar.

So gründete ich mit meiner Freundin aus Kindertagen eine Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Karriere-Training und Coaching, da mir dies mit einigermaßen flexiblen Arbeitszeiten und einem einigermaßen vernünftigen Einkommen eine wirtschaftliche Grundlage zu sein schien. Natürlich kein lukratives Projektgeschäft, wie es viele männliche Kollegen haben und jährlich sechsstellig verdienen: die sind nämlich Montag bis Freitag und zuweilen am Wochenende unterwegs frei nach dem Motto „Schatz, ich bin dann mal weg!“ Keine Chance, denn ich musste ja abends wieder zuhause sein!

Freunde sind wichtig!

Meine Woche begann oft am Dienstag um halb 7 mit 2 Stunden Autofahrt Frankfurt-Dortmund, dann Training, und abends Rückfahrt bis Frankfurt, wo wir lebten, mit Ankunft gegen 20 Uhr. Dasselbe an den anderen Tagen, mit somit fast 50 Tausend Kilometern im Jahr. Mit Akquise und Büroarbeit zu jeder Zeit, fließend, auch am Wochenende. Das zumindest kannte und konnte ich – 24 Stunden am Tag, alleinerziehend, fleißig und fließend, und nur mit verlässlicher (und teurer) Kinderfrau möglich. Teure Zusatzausbildungen und -qualifikationen waren möglich, mit viel guter Organisation, und vor allem mit guten Freundinnen und ein bisschen Überredungskunst: „Der Eddie spielt doch so gerne mit Felix… könnte Felix am Wochenende noch mal bei Euch übernachten ?“
Seit mein Sohn 12 ist, gibt es von Zeit zu Zeit sogar Kontakt zum Vater und zur Oma, und seitdem gibt es zweimal im Jahr einwöchige Besuche in der Schweiz. Raten Sie mal, wer die Reise bezahlt…?

Zehn Jahre später – erfolgreiche Karriere-Coach und Trainerin

Doch – die Anstrengungen haben gelohnt. Heute, nach 10 Jahren bin ich gemeinsam mit meiner Freundin erfolgreich im Trainergeschäft. In der Zeit haben wir viele hundert weibliche und männliche Führungskräfte beim Karriere-Umstieg und -Aufstieg erfolgreich beraten und gecoacht, in Karriere- und Lebenskrisen, auch alleinerziehende Mütter. Viele erfolgreiche Trainings in Karriere-Management und Workshops in Kommunikation und Führung bei Konzern-Kunden sind heute die Grundlage unseres Erfolgs.

Ruhestand? Wie bitte?

Ein bitterer Beigeschmack bleibt – eine Wohnimmobilie auch als Alterssicherung blieb immer in weiter Ferne: Welche Bank gibt einer alleinerziehenden Selbstständigen zum Beispiel einen Hauskredit? Sogar eine Mietwohnung zu bekommen, ist in der Großstadt fast unmöglich: „Was, in Ihrer Situation? Da nehmen wir doch lieber das junge Pärchen, die haben ja zwei Einkommen…“

Meine Rente? Fehlanzeige… ich war ja nur 8 Jahre in USA verheiratet; Rentenansprüche vom geschiedenen Ehemann entstehen nach 10 Jahren. Und leider nur 9 Jahre im Schweizer Konzern, Rente gibt es auch erst ab 10 Jahren Firmenzugehörigkeit. Hatte mir niemand gesagt und ich habe nicht nachgefragt und nicht recherchiert, sondern nach Bauchgefühl und relativ spontan entschieden (falsch).

Das bedeutet für mich: Weiterarbeiten, und wenn mein Sohn die Schule beendet hat, noch mal richtig durchzustarten. Ein gesicherter, entspannter Ruhestand rückt in weite Fernen!

Der Kampf ums Überleben

Keine Frage: Ich liebe meinen Sohn und möchte ihn keinen Tag in meinem Leben missen. Aber noch einmal vor die Entscheidung gestellt mit dem Wissen, das ich heute habe? Die Konsequenzen für alleinerziehende Frauen in unserer Gesellschaft sind inakzeptabel hart, während sie die Väter nicht in die Verpflichtung nimmt, weder persönlich noch finanziell. Für Väter bleibt Vaterschaft oftmals eine Spaßveranstaltung. Für mich aber war das Leben als alleinzerziehende Mutter von Beginn an vor allem ein Kampf um`s wirtschaftliche Überleben.

Alleinerziehende Frauen und  Karriere?

An welche Märchen sollen wir Frauen eigentlich noch glauben?

Uta Michels – Kompetenz in Karriere

 

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